05.03.2020

Wirtschaftsmacht Handwerk: Zur Absage der Internationalen Handwerksmesse 2020

Die Absage der Internationalen Handwerksmesse (IHM) 2020 bringt zahlreiche Folgen für Aussteller, Partner, die Stadt München mit ihren Restaurants und Hotels sowie für den Messeveranstalter GHM mit sich. Auf dringende Empfehlung des Krisenstabs der bayerischen Staatsregierung findet die Leitmesse des Handwerks erstmals in ihrer 72-jährigen Geschichte im Zuge von Covid-19 nicht statt. Monate, Wochen und Stunden an Arbeit seitens vieler Akteure werden nun 2020 keinem Weltpublikum präsentiert.


Die Absage der IHM als starker Wirtschaftsmotor hinterlässt deutliche Spuren: Besucher und Aussteller haben in diesem Jahr keine Plattform, auf der sie sich treffen, auf der sie netzwerken, auf der sie ihre Innovationen vorstellen und auf der sie handwerkspolitische Botschaften gemeinsam aus dem Handwerk für das Handwerk senden. Die Folgen sind für alle Beteiligten gravierend und reichen dabei weit in die Kapillaren der Wirtschaft hinein. Dazu Dieter Dohr, Vorsitzender der Gesellschaft für Handwerksmessen mbH als Veranstalter: „Im Durchschnitt haben in den letzten Jahren 1.000 Aussteller ihre Produkte und Marktneuheiten 110.000 Besuchern gezeigt. Dabei wurde in den letzten fünf Jahren laut des unabhängigen Messe-Marktforschungsinstituts Gelszus bei unseren Ausstellern jährlich für rund 42 Mio. Euro eingekauft beziehungsweise Aufträge erteilt. Das unterstreicht die Bedeutung der IHM als zentrale Plattform.“

Einschnitte für alle Beteiligten

Die Einschnitte für alle Beteiligten, insbesondere für Aussteller sind gravierend: Start-ups und Handwerksbetriebe haben unter hohem Druck Innovationen im Hinblick auf die bevorstehende Messe entwickelt, die sie dort präsentieren wollten.

So zum Beispiel die Firma TCA.systems GmbH aus Völklingen im Saarland, die vor zwei Jahren gegründet wurde. Das Start-up wollte seine Erfindung, ein innovatives, umweltfreundliches Lüftungssystem, in der Sonderschau "Innovation Gewinnt!" zeigen. Ein Viertel ihres Marketing-Jahresbudgets investierten sie in ihre Messe-Präsentation als bedeutendste Marketingmaßnahme für 2020 in Bezug auf ihr Netzwerk und im Hinblick auf die Bekanntgabe ihrer Nominierung für den Deutschen Umweltpreis. Dazu der Gründer Yannik Hoffmann: „Als Start-up für das Handwerk trifft uns die Absage finanziell, aber vor allem in unserer Entwicklung, schwer.“

Auch für den siebenköpfigen Familienbetrieb, die Schreinerei Liedl aus Pfarrkirchen in Niederbayern, ist der Wegfall der Internationalen Handwerksmesse 2020 ein harter Schlag. Seit rund 40 Jahren stellt die Traditionsschreinerei in München aus. „Durch die Geschäfte auf der Handwerksmesse erzielten wir im Durchschnitt die Hälfte unseres gesamten Jahresumsatzes“, sagt Inhaber Stefan Liedl.

Die Firma Oetzel Wasserhygiene GmbH aus München schmerzt vor allem, dass ihre Innovation nun keinem Weltpublikum vorgestellt werden kann. „In zahlreichen Nachtschichten und mit viel Herzblut arbeiteten wir daran, den Prototyp unserer Produktneuheit zur Messe fertigzustellen. 700 Gäste haben wir für die Präsentation zur Messe eingeladen“, sagt Betriebsinhaber Stefan Oetzel.  

In Zeiten, in denen vor allem junge Talente und Fachkräfte dem Handwerk fehlen, ist die IHM die Plattform schlechthin für Schüler und Jugendliche, um die Vielfalt der Handwerksberufe zu erleben. Auch diese Möglichkeit fällt 2020 weg. Dazu Werner Plaschke, Obermeister der Schreiner-Innung in München, die sich im Rahmen der Sonderschau Young Generation engagiert hätte: „Die Absage ist für uns ein großer Verlust, keine Frage. Vor allem für die vielen Schulklassen, die wir dieses Jahr über die Berufsbilder im Handwerk nicht informieren können.“

Multiplikator und Innovationstreiber Messe

Von Costa Rica bis Indonesien: Auf dem Green Campus der diesjährigen Handwerksmesse war die Präsentation von 120 innovativen, nachhaltigen Exponaten aus 52 Ländern geplant, die zum Teil auf der Messe Premiere gefeiert hätten. Nils Bader, Initiator des Green Product Awards: „Den wirtschaftlichen Schaden kann man noch nicht einschätzen, der Imageschaden jedoch ist enorm. Mit der Absage der IHM müssen wir auf potentielle Kooperationen verzichten, die durch das einzigartige Netzwerk auf der Messe entstanden und für die Weiterentwicklung der Exponate essentiell gewesen wären.“

Auch verbandspolitisch ist die Absage ein Desaster. „Die IHM ist eine Plattform, die ihresgleichen sucht und zeigt, wie modern das Handwerk ist. Wir wollten unsere Offensive zur Nachwuchsgewinnung vorstellen und haben hierfür extra eine neue Messepräsentation geplant. Das ist ein schwerer Schlag für uns“, sagt Lars Bubnick, Geschäftsführer des Landesinnungsverbandes für das bayerische Fleischerhandwerk und Leiter der Leistungsschau des Metzgerhandwerks auf der IHM.

Achim Berg, Präsident des Digitalverbandes Bitkom, der 2020 erstmals Partner der Internationalen Handwerksmesse ist, sieht die Messe vor allem als wichtigen Treiber für die Zukunft: „Das Handwerk steht aktuell vor der Herkulesaufgabe, seine Geschäftsprozesse und Geschäftsmodelle zu digitalisieren. Wie unsere aktuelle Studie zur Digitalisierung im Handwerk zeigt, sehen 54 Prozent der Handwerksunternehmen die Digitalisierung als existenzsichernd an. Das Thema wäre erstmals Schwerpunkt der Internationalen Handwerksmesse gewesen. Umso bedauerlicher ist aus Bitkom-Sicht die unvermeidliche Absage der Messe.“

Bedeutung für den Wirtschaftsstandort

Die Effekte vor allem für München und die Region sind mit dem Ausfall der Internationalen Handwerksmesse 2020 vielschichtig. Für Hotellerie und Gastronomie sind große, internationale Messen ein starker Motor, deren Strahlkraft weit über die Grenzen der Landeshauptstadt hinausreicht. Dazu Angela Inselkammer, Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes DEHOGA Bayern e.V.: „Messen sichern Arbeitsplätze und lassen die Wirtschaft einer Stadt pulsieren. Bricht eine Messe weg, ist das ein massiver Einschnitt. Speziell die Absage der Internationalen Handwerksmesse macht uns betroffen, da sich das Gastgewerbe und das Handwerk sehr nahe stehen. Im konkreten Fall kam es zu massenhaften Stornierungen, die Betriebe existenziell gefährden. Auch wenn sich der Schaden noch nicht seriös beziffern lässt, zeigen Rückmeldungen, dass Hotelgesellschaften und Eventgastronomen Einbußen im hohen sechs- bis siebenstelligen Bereich zu verkraften haben. Leere Betten bedeuten dabei immer auch leere Restaurants, was schnell zu dauerhaften Folgeschäden für den Tourismus, Bayerns zweitwichtigste Leitökonomie, führen kann.“

Dr. Bernhard Harrer, Vorstand des Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts für Fremdenverkehr e.V. (dwif), ergänzt: „Ein durchschnittlicher Übernachtungsgast in einem gewerblichen Beherbergungsbetrieb in München gibt am Tag mehr als 200 Euro aus, bei Tagesbesuchern wird eine Größenordnung von 40 Euro erreicht. Beim Ausfall einer Veranstaltung wie der Internationalen Handwerksmesse können sich hieraus – je nach Besucherstruktur – beachtliche Umsatzeinbußen ergeben, zumal die Studien des dwif zeigen, dass beispielsweise Messebesucher zu den ausgabestarken Nachfragegruppen zählen. Betroffen sind davon nicht nur die Messegesellschaft und die Aussteller, die keine Umsätze tätigen und keine neuen Kundenkontakte generieren, sondern auch Unternehmen, deren Leistungen normalerweise im Umfeld des Aufenthaltes in Anspruch genommen werden. Hierzu zählen beispielsweise Beherbergungsbetriebe, Restaurants oder Verkehrsunternehmen (z. B. ÖPNV, Taxi). Auch die zur Durchführung der Messe benötigten Vorleistungen dürfen nicht vergessen werden. Zu nennen sind hier unter anderem Standauf- und -abbau, Caterer, Organisatoren von Rahmenprogrammen etc.“

Wie die angeführten Beispiele und Statements nur auszugsweise zeigen können, haben Veranstaltungen wie die Internationale Handwerksmesse wichtige wirtschaftliche Effekte und bringen das Leben einer Stadt zum Pulsieren. Umso mehr blickt der Veranstalter, die Gesellschaft für Handwerksmessen mbH, nach der Absage für 2020 nach vorne und damit auf eine erfolgreiche Internationale Handwerksmesse 2021. Die nächste Veranstaltung findet vom 10. bis 14. März kommenden Jahres statt.

 

Über die Internationale Handwerksmesse

Die Internationale Handwerksmesse ist die wichtigste Leistungsschau des Handwerks in Deutschland. Sie existiert seit 1949 und findet jedes Jahr im Frühjahr auf dem Messegelände München statt. Rund 1.000 Aussteller aus etwa 60 Gewerken bieten Privathaushalten, Unternehmen und öffentlicher Hand einen umfassenden Überblick über Leistung, Qualität und Innovationskraft des Handwerks. Zum Messeangebot gehören mehrere Leistungs- und Sonderschauen, auf denen Handwerker aus zahlreichen Ländern aktuelle Themen, Produktneuheiten und herausragende Arbeiten präsentieren.


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© Abdruck der Fotos und Grafiken zu redaktionellen Zwecken kostenfrei unter Angabe der Quelle und des Bildnachweises.

  • Wirtschaftsgespräch anlässlich der Absage der Internationalen Handwerksmesse 2020: (v. links) Franz Xaver Peteranderl, Präsident des Bayerischen Handwerkstags (BHT), Dieter Dohr, Vorsitzender der Geschäftsführung GHM Gesellschaft für Handwerksmessen, Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) © GHM
  • Dieter Dohr, Vorsitzender der Geschäftsführung GHM Gesellschaft für Handwerksmessen mbH © GHM/Rauner
  • TCA.systems GmbH aus Völklingen im Saarland Die Geschäftsführer und Gründer Erik Martini (links) und Yannik Hoffmann (rechts) Das Start-up wollte seine Erfindung, ein innovatives, umweltfreundliches Lüftungssystem, in der Sonderschau "Innovation Gewinnt!" zeigen. © Markus Lutz 2019
  • Mit viel Herzblut arbeitete die Firma Oetzel Wasserhygiene GmbH daran, ihre Produktneuheit zur Messe fertigzustellen. Auf der IHM 2019 erhielt der innovative Betrieb aus München bereits den Bayerischen Staatspreis. Rechts im Bild: Betriebsinhaber Stefan Oetzel bei der Preisverleihung. © Michael Schuhmann
  • Angela Inselkammer, Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes DEHOGA Bayern e.V © DEHOGA Bayern
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