"Ich konnte den Menschen etwas durch meine Arbeit geben"

IHM: Frau Röh, während Ihrer Walz restaurierten Sie Möbel in Neuseeland, die 2011 durch ein starkes Erdbeben zerstört worden waren. Wie hat dieses Engagement Ihre Arbeit beeinflusst?

Johanna Röh: Als die Menschen ihre kaputten Möbel in die Werkstatt brachten, dachte ich plötzlich: Hier kann ich wirklich etwas Sinnvolles tun. Handwerkerinnen wie ich konnten sich zu dieser Zeit in Neuseeland ziemlich nützlich machen. Die Menschen hingen sehr an ihren Stücken und ich hatte das Gefühl, ihnen durch meine Arbeit etwas geben zu können. Gleichzeitig machte es Spaß, die Möbel wiederherzustellen, und lernen konnte ich auch viel. Diese Eindrücke ließen mich bis heute nicht los. Sie sind einer der Gründe, warum ich in meiner neugegründeten Tischlerei Möbelrestaurierung anbiete.

IHM: Wie wichtig ist Engagement im Handwerk?

Röh: Ich denke, dass für das Handwerk eine gewisse Nachhaltigkeit wichtig ist. In meinem Fall bedeutet das, dass ich nur ökologisch nachhaltige Materialien nutze und gesundheitsschädliche Stoffe vermeide. Zum Beispiel verwende ich keinen Lack und keine beschichteten Spanplatten. Davon bin ich persönlich überzeugt, gleichzeitig werten das die Menschen aber auch als Qualitätsmerkmal. Nachhaltig zu arbeiten ist immer auch ein Kompromiss, weil es die Produktion natürlich erschwert. Ein zusätzliches soziales Projekt kann ich mir deshalb zeitlich auch nicht leisten. Allerdings lade ich hin und wieder Schülerpraktikanten in meine Werkstatt ein, damit sie die Arbeit einer Tischlerin kennenlernen. Das ist eine Form von Engagement, die jedes Gewerk umsetzen kann – und die das Berufsbild von Handwerkern und Handwerkerinnen stärkt. Am Ende profitieren alle.

IHM: Ihre heutigen Fähigkeiten verdanken Sie auch Ihrem Aufenthalt in Japan. Inwiefern lohnt es sich, als Handwerkerin über den Tellerrand zu schauen?

Röh: Ein Aufenthalt im Ausland hat viele Vorteile: Der eigene Erfahrungsschatz wird größer, man lernt viele Menschen kennen und wird flexibler in seiner Arbeit. Nach Japan bin ich ganz gezielt gegangen, um meine Technik zu perfektionieren. Die Werkzeuge sind dort anders - zum Beispiel lässt sich der Hobel viel präziser einstellen - und man lernt vor allem, indem man zusieht. Was ich von dort mitgenommen habe, nutze ich auch heute für meine Arbeit. Eine internationale Wanderschaft ist nicht für jeden etwas, und auch nicht jeder Handwerksbetrieb braucht ungewöhnliche Techniken für sein Alltagsgeschäft. Aber man kann dadurch eben auch seine beruflichen Leidenschaften entdecken.

Das Interview führte Nina Bärschneider.

Johanna Röh Interview zu Engagement

Johanna Röh

Nach ihrer Tischlerausbildung war Johanna Röh vier Jahre in Neuseeland und Japan auf Wanderschaft. Durch Abenteuerlust und soziales Engagement entdeckte die heutige Tischlermeisterin ihre Leidenschaft: Möbel restaurieren. Treffen Sie Johanna Röh in Halle C2/232 auf der Sonderfläche "Land des Handwerks".

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