"Die Maßschuhe wird der Schuster auch künftig selbst fertigen."

IHM: Herr Bille, warum sollte ein Schuster aus Bayern seinen Betrieb automatisieren?

Jens Bille: Er kann sich dadurch die Arbeiten ersparen, auf die er wahrscheinlich lieber verzichten würde - Büroarbeit, Rechnungen schreiben - und hätte mehr Zeit für sein eigentliches Handwerk. Dazu muss er nicht gleich seinen ganzen Betrieb verändern. Schon kleine Schritte in Richtung Digitalisierung reichen aus, um ineffiziente oder eintönige Prozesse zu ersetzen. Er könnte zum Beispiel die Stundenzettel seiner Mitarbeiter auf dem Smartphone schreiben und verschicken, um Papier und Aufwand zu sparen.

IHM: Ist ein Betrieb noch Handwerksbetrieb, wenn er immer größere Teile seiner Arbeit automatisiert?

Jens Bille: Nur die Prozesse um das Handwerk herum werden automatisiert. So könnte der Schuster die Zulieferung seiner Materialien automatisieren. Die Maßschuhe hingegen wird er auch künftig selbst fertigen. Viele Gewerke werden ihren handwerklichen Schwerpunkt behalten.

IHM: Welche Gewerke müssen sich auf die größten Veränderungen einstellen?

Jens Bille: Die Baubranche wird sich stark verändern. Schon jetzt wird sie transparenter: etwa, wenn mehrere Gewerke digital an einem Bauprojekt zusammenarbeiten. Einige Branchen haben sich schon auf die neuesten Entwicklungen eingestellt. Zum Beispiel ist die 3D-Planung für Zimmerer und Sanitärunternehmen nichts Neues mehr.

Weniger Berührungspunkte mit digitalen und automatisierten Prozessen haben bisher zum Beispiel Dachdecker. Aber auch sie könnten sich beispielsweise digital mit anderen Betrieben vernetzen, um die Arbeit an einem Großprojekt zu erleichtern. Wichtig ist, dass sich alle Betriebe mit dem Thema Digitalisierung auseinandersetzen und die jeweiligen Chancen sinnvoll umsetzen. Hierfür steht ihnen zum Beispiel das Netzwerk der Beauftragten für Innovation und Technologie zur Verfügung.

Das Interview führte Nina Bärschneider

Jens Bille

"Viele Handwerker fragen sich, wie sie Prozesse in ihrem Betrieb automatisieren können."

Warum der erste Schritt nicht schwer ist, erklärt Jens Bille von der Zentralen Leitstelle für Technologie-Transfer im Handwerk (ZLS) des Heinz-Piest-Institut für Handwerkstechnik. Er ist dort Beauftragter für Innovation und Technologie (BIT).

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